Wenn das Abstillen traurig macht

Stillen, Abstillen oder überhaupt nicht Stillen – immer wieder wichtige Themen für Mütter, die nicht selten Zündstoff für hitzige und teils explosive Diskussionen sind. In öffentlichen Netzwerken oder Internetforen kann es schnell passieren, dass man virtuell gesteinigt wird, wenn man nicht dem entspricht, was sich manch andere Mutter unter einer guten Mutter vorstellt – gerade wenn es um die Ernährung des Säuglings geht. Ich halte es mit dem Grundsatz, dass jeder tun sollte, was er oder sie für richtig hält, so lange dabei niemand zu Schaden kommt. Ich für meinen Teil war mir von Anfang an sicher, dass ich unbedingt voll stillen möchte wenn es denn irgendwie geht. Und ich hatte Glück: bis auf die ersten etwas schmerzhaften Tage hatte ich fast überhaupt keine Probleme. Ich habe das Stillen durchweg als sehr angenehm und wunderschön empfunden. Für Klein N und mich war und ist es ein zur Ruhe Kommen, eine Entschleunigung des oftmals wilden Alltags und eine extra Kuscheleinheit.

Allerdings ist das Kind bereits 8 Monate alt, wurde seit dem 6. Monat langsam an Beikost heran geführt und isst mittlerweile voller Leidenschaft, Hingabe und Kreativität ihr Brot undWenn Abstillen traurig macht ihren Brei. Gestillt wird sie nur noch nachts – und ja, ich gebe es zu: manchmal macht mich das ganz schön traurig. Nicht falsch verstehen, ich freue mich über jeden Fortschritt, über jedes Vorankommen in ihrer Entwicklung. Aber warum bitte geht denn das so verdammt schnell? Eben noch das hilflose, ewig herum liegende, zerknautschte Geschöpf, das gar nichts kann außer atmen, trinken und die Windel voll machen; und jetzt sitzt sie da in ihrem Hochstuhl, Brot und Brei futternd wie ein Profi und lacht dabei ihr keckes Sonnenschein-Lachen mit den vier strahlend weißen Beißerchen. Und ich Klammer-Mutter heule jetzt schon den guten, alten Zeiten hinterher. Das alles könnte noch spaßig werden, wenn man bedenkt, dass das kleine N praktisch morgen in den Kindergarten kommt, übermorgen in die Schule und dann nächste Woche ihr Studium beginnt.

Ich glaube, der Grund, warum das Abstillen mir (und ganz bestimmt auch einigen anderen Müttern) ab und an etwas schwer fällt, ist der Fakt, dass man nun noch deutlicher sieht, wie schnell die Zeit vergeht. Du hast dich gerade erst an eine Situation, eine Einstellung im Kinderwagen oder eine Kleidergröße gewöhnt und schon ist die ganze Eingewöhnung hinfällig, weil schon wieder etwas ganz anderes auf dem Programm steht. Du hetzt dich ab, um den Alltag und alle fälligen Aufgaben zu bewältigen, gibst dir Mühe, widmest dich deinem Kind und hast trotzdem das Gefühl irgendetwas verpasst zu haben, wenn der kleine Strolch plötzlich krabbeln kann. Noch dazu ist das Abstillen natürlich der erste wundervolle Schritt in die Selbständigkeit, das Baby schafft nun immer mehr alleine und signalisiert der Mutter: „Danke Mami für die letzten 6 Monate, das ständige Kuscheln und Schmusen, war toll bei dir. Jetzt will ich aber langsam die Welt entdecken und brauche deine Brust nicht mehr so oft. Mach’s gut.“ oder so ähnlich. Ist schon witzig: während dem Hardcore-Vollzeit-Stillen habe ich mir oft mehr Unabhängigkeit von meinem Baby gewünscht. Dass nicht immer nur ich es füttern kann, dass es auch bei anderen satt wird, wenn ich mal unterwegs bin oder anderes zu tun habe. Jetzt denke ich oft ein klein wenig wehmütig an die vergangenen Monate zurück, erinnere mich, wie kalt es draußen war, wie wir uns den ganzen Tag aneinander gekuschelt haben und wie sie mit der Zeit anfing, mein Gesicht während dem Stillen zu streicheln oder plötzlich zu grinsen, wenn sich unsere Blicke trafen und gar nicht mehr weiter trinken konnte. Hach, eine wirklich tolle Zeit.

Aber eines kann ich mit Gewissheit sagen: so wie es jetzt ist, ist es genau richtig. Irgendwann kam nämlich die Zeit, in der ich immer öfter merkte, wie Klein N beim Stillen unruhiger wurde, sich nach ihrer Umwelt umsah. Immer öfter starrte sie fasziniert auf unser Essen und hat sich schließlich so sehr gefreut, als wir endlich einen Versuch gewagt haben. Und auch ich war dankbar, dass ich nun Stück für Stück etwas Verantwortung abgeben und viel besser etwas Zeit für mich einplanen konnte.

Meistens ist es tatsächlich so, dass ich neben meiner Maus sitze/stehe/krieche und vor Stolz platzen könnte, wenn ich sie so ansehe. Ich finde beeindruckend, wie ein kleines Wesen in solch kurzer Zeit so viel aufgreifen, lernen und nachahmen kann und es in Windeseile so scheint, als hätte es nie etwas anderes getan. Ich bin fasziniert davon, wie reibungslos vieles zwischen uns läuft. Dass wir ohne Worte, aber dennoch irgendwie einvernehmlich beschlossen haben, dass es nun an der Zeit ist, etwas loszulassen, um noch mehr von der Welt zu entdecken.Wenn Abstillen traurig macht

Und wenn ich meinen kleinen Schatz dann nachts zu mir nehme, um sie zu stillen und sie mit ihrem kleinen Köpfchen schon wild und unbändig meine Nähe sucht, wenn sie zur Ruhe kommt wenn ich sie anlege und zufrieden seufzt, dann weiß ich, dass sie – genau wie ich – gerne zu unserer anfänglichen Kuschelzeit zurückkehrt, in der mein Geruch, mein Herzschlag und die Muttermilch alles für sie war und sich gestärkt und behütet auf den nächsten abenteuerlichen und aufregenden Tag freut – genau wie ich.

Liebste Grüße, Verena

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