Jeder weiß es besser

Ich bin mir sicher, dass sie jede Mutter kennt: die gut gemeinten Ratschläge von Mutter, Schwiegermutter, Tante, Schwester, Freundin, Arbeitskollegin oder eventuell (im worst case sozusagen) sogar von der Postbotin. Egal wo man geht und steht, fast schon nebensächlich, was man wie tut, überall Tipps, Verbesserungsvorschläge, Anregungen und Kritik. Im besten Falle sind die Tipps leicht umzusetzen, die Verbesserungsvorschläge Gold wert, die Anregungen hilfreich und die Kritik konstruktiv. Und versteht mich nicht falsch: um diese Art von Mitteilungen soll es heute gar nicht gehen. Schön, wenn man in den Genuss kommt, etwas gesagt zu bekommen, das einen wirklich weiter bringt. Ich mag es sehr, wenn man mich freundlich und mit einem Zwinkern auf etwas hinweist, worauf ich selbst vielleicht gar nicht gekommen wäre.

Jeder weiß es besserNein, dieser Beitrag soll ein Appell an all die besorgten (vor allem weiblichen) Personen gehen, die das Gefühl haben, man habe mit der Geburt des eigenen Kindes seinen Menschenverstand und den Großteil seines Gehirns im Krankenhaus im Gegenzug abgegeben. Und um das mal vorweg zu nehmen (falls ihr nicht so viel Zeit habt diesen Artikel fertig zu lesen, weil eure weisen Ratschläge bereits anderweitig gebraucht werden): NEIN, das haben wir nicht!

Warst du vor der Geburt deines Schatzes bereits ausgezogen, hast gearbeitet, deine Rechnungen bezahlt, Essen gekocht, Wäsche gewaschen, eine Beziehung geführt? Warst los gelöst vom warmen Nest deiner Eltern, selbständig, (halbwegs) verantwortungsbewusst und hast dich gefühlt, als seist du auf Augenhöhe mit deiner Mutter, Schwiegermutter, Tante, Schwester, Freundin, Arbeitskollegin und der Postbotin? Vergiss es, alles rum! Jetzt, da dein Kind das Licht der Welt erblickt hat, kommst du in den mit Sicherheit bereits sehnsüchtig vermissten Zustand selbst wieder Kind sein zu dürfen. Dir wird die Welt erklärt, du wirst über dies und jenes belehrt, du wirst mit hochgezogener Augenbraue gefragt, ob man das etwa heutzutage so mache und behandelt, als wärst du nur geringfügig älter als dein Neugeborenes.

Dies ist ein Appell: “Lass’ mich bitte meine eigenen Erfahrungen machen!” Ich weiß, ihrJeder weiß es besser meint es gut. Ich weiß, ihr macht euch lediglich Sorgen, dass Kind oder Mutter, oder im schlimmsten Fall beide, verhungern, erfrieren, den Langeweile- / Überbehütungs- / Verwöhn- / Vernachlässigungs / Überforderungs- / Unterforderungs oder Windelpups-Tod sterben, aber ich denke, aus Sicht einer frischgebackenen Mama sagen zu können, dass dies gewiss nicht passieren wird. Es ist nett, wenn ihr uns darauf hinweist, dass es draußen kalt ist und das Kind ja nur Body, Pulli, Strumpfhose, Hose, Strümpfe, Schal, Mütze, Handschuhe, Schneeanzug, Daunendecke und Heizpilz trägt, uns fragt ob das Kind nicht langsam in seinem eigenen Bett schlafen möchte, wissen möchtet, wann wir wieder in die Uni oder arbeiten gehen, einwerft, dass wir das Kleine nicht so verwöhnen sollen und erwähnt, dass ihr zu dieser Zeit ja schon längst abgestillt habt, aber leider Gottes und völlig wider Erwarten bringt es uns nichts. Meine Hebamme sagte zu mir einen tollen Satz, als ich fragte, ob es normal sei, sich ständig solche Sorgen zu machen, irgendetwas falsch zu machen: “Ja, denn als Mutter wirst du vermutlich an keinem Abend ohne schlechtes Gewissen einschlafen”. Sehr richtig meiner Meinung nach. Man hat wegen allem ein schlechtes Gewissen. War ich zu lang mit der/dem Kleinen unterwegs? Habe ich sie/ihn heute genug gefördert? Hätte ich mehr/weniger tun müssen? Aus diesem Grund ist es wichtig, uns nicht noch mehr das Gefühl zu geben ständig irgendetwas nicht ganz so zu machen, wie man es eigentlich sollte. Ich finde, ihr solltet uns Mamas helfen. Und das tut ihr nicht mit rhetorischen Fragen auf die ihr keine Antwort hören wollt und auf die wir keine Antwort geben können, nicht mit gerunzelter Stirn, nicht mit verdrehten Augen und auch nicht mit dem bestimmt lieb gemeinten, mitleidigen Blick weil wir in den ersten Wochen schlechter aussehen wie der Obdachlose um die Ecke. Ihr helft uns indem ihr da seid, indem ihr ehrlich fragt, wie es uns geht, uns zum Lachen bringt, wenn wir mit den Nerven am Ende sind und uns für die schlechteste Mutter der Welt halten, uns witzige Anekdoten aus eurer ersten Zeit als Mutter erzählt, uns den Hund / Abwasch / Müll abnehmt und uns das Gefühl gebt, dass wir alles schon irgendwie hinkriegen. Seid doch einfach interessiert ohne zu urteilen und geht davon aus, dass wir vieles lernen müssen, ganz gewiss nicht alles richtigJeder weiß es besser machen, aber für unser Kind die bestmögliche Mutter sein wollen und das jeden Tag aufs Neue versuchen. Die Arbeit einer Mutter wird ohnehin viel zu wenig geschätzt, da kann es einem schonmal den Tag retten, wenn man nicht ständig von irgendjemandem zu hören bekommt, wie man es besser machen soll. Kritik kann man auch freundlich und konstruktiv üben und nicht jeder, der von sich selbst glaubt, die eine oder andere Sache richtig zu machen, liegt damit auch immer richtig. Muttersein kennt viele Nuancen und Facetten und was für das eine Kind das Beste überhaupt ist, kann für ein anderes vollkommen unpassend sein.

Habt einfach etwas Vertrauen, dass wir weiterhin die intelligenten, eigenständigen, selbstbewussten Frauen sind, die wir sicherlich vor der Geburt unseres Kindes schon waren, dann können wir uns auch (noch) sicher(er) sein, dass ihr uns respektiert, auch wenn ihr manches vielleicht anders machen würdet. Und das ist vollkommen ok.

Liebste Grüße, Verena

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