Vom Wahnsinn es nochmal zu tun

Die schönsten Sachen sind oft auch mit der größten Arbeit verbunden. Und obwohl das so ist, tun wir sie immer wieder. Wichtige und sinngebende Beziehungen, die neben den Hochs immer auch Tiefs bereithalten. Der so erfüllende Job, der auch unglaublich viele Herausforderungen und Hürden birgt. Und sogar das leckere, aber anspruchsvolle Gericht, das nur mit viel Übung und Zeit perfekt gelingt. Man macht das alles, weil es sich lohnt. Weil die Sache jede Träne, die ganze Mühe und all den Schweiß wert ist. Weil es schlicht und ergreifend unmöglich ist, es nicht zu tun. Genauso ist es auch mit unserer letzten großen Entscheidung: wir möchten noch ein zweites Mal Eltern werden. Noch einmal alles auf Anfang und gleichzeitig noch viel weiter kommen.

Das alles ist allerdings purer Wahnsinn. Habe ich etwa schon vergessen, wie mir die schlaflosen Nächte an die Substanz gingen? Weiß ich nicht mehr, wie oft ich mit dem Gedanken gespielt habe, einfach alles hinzuwerfen und ohne meine kleine Familie in ein fremdes und am besten sehr weit entferntes Land auszuwandern? Ist es etwa nicht mehr wichtig, dass ich mich beim Betrachten des täglichen Chaos, der krümel- und breibedeckten Böden, der vollgemalten Stühle und Wände gefragt habe, ob das jetzt wirklich alles ist? All das war ein Teil von mir und ist es auch heute noch. Und das obwohl meine inzwischen große kleine Maus nicht mal ein „schwieriges“ Kind ist. Sie hat selbstverständlich ihre Eigenheiten, Macken und Ansprüche. Aber in einem Ausmaß, das ich als besonders, auffällig oder übermäßig empfinden würde? Ganz und gar nicht. Es ist ja nicht nur das Kind an sich, das eine Herausforderung darstellt. Die neue Lebenssituation verändert einen selbst, die Partnerschaft und das gesamte Umfeld. Alle müssen lernen, sich auf neue Gewohnheiten und veränderte Umstände einzustellen. Manches geschieht schnell und geht sofort in einen über, andere Dinge hingegen muss man sich erkämpfen und immer wieder neu erlernen und verhandeln. Das Leben wird aufregender, schwerer zu planen und vorauszusehen, turbulenter, unflexibler, teurer und überraschender.

Wie verrückt muss ich, müssen wir, also sein, um das Ganze nochmal zu tun? Reicht ein Kind etwa nicht zum Glücklichsein? Ist das nicht Aufgabe genug? Geht die ganze Sache vielleicht schief wenn man sich jetzt zuviel zumutet? Werden wir Allem dann noch gerecht?

Wirklich gute Fragen, die auch dazugehören und die man sich nicht nur selbst stellt, sondern mit denen man eventuell auch aus dem Umfeld rechnen muss. Das Bauchgefühl weist einem aber auch in diesem Fall, wie so oft, den Weg. Nachdem ich mich also mal mit meinem Bauch auseinandergesetzt hatte, habe ich gehört, was er mir gesagt hat:

„Es ist das Richtige, wenn du es dir wünschst. Wenn die aufregenden Erlebnisse neugierig erwartet werden. Wenn du in den meisten Situationen damit klar kommst und es unter Umständen sogar genießt, keinen Plan zu haben. Wenn Turbulenzen freudig in Kauf genommen werden, weil du weißt, dass du daran wächst und durch sie stärker wirst. Wenn Flexibilität in dir selbst stattfindet, weil du lernst Geschehenes zu akzeptieren und positiv zu sehen, auch wenn es manchmal schwer fällt. Wenn du Möglichkeiten findest, dich und deine Familie zu genießen, auch ohne großen Luxus und Dinge von außen. Wenn dir die Überraschung wichtiger ist als das Sichersein. Es ist richtig, wenn die Sehnsucht größer ist als die Angst.“

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Und da bin ich nun. Die wahnsinnige Frau, die sich eingehend und intensiv mit ihrem Bauch unterhält und zu dem Schluss kommt, dass er Recht hat und der liebe Kopf ruhig weiter denken kann, während ich hier sitze und bereits freudig auf unser zweites August-Baby warte. 🙂

Liebste Grüße, Verena