Die Sache mit der Dankbarkeit

Erst heute wieder ist mir bewusst geworden, dass Undankbarkeit oder Verhalten, das auf mich wie Undankbarkeit wirkt, zwei der Sachen sind, mit denen ich unglaublich schlecht umgehen kann. Es ist nicht so, dass ich Dinge tue, um Dankbarkeit zu erhalten. Gerade wenn es um das eigene Kind geht, ist mir bewusst, dass es mein Job ist, bestimmte Dinge zu tun. Für den größten Teil erwarte ich dann auch keine besondere Wertschätzung. Aber ich ärgere mich furchtbar, wenn ich mir Umstände mache und mich selbst zurücknehme, und anschließend trotzdem Unzufriedenheit und Unmut entgegen gebracht bekomme. Nun ist es leider so, dass Kinder bekanntlich nicht alle Dinge beklatschen und bejubeln, die man als Eltern so den lieben, langen Tag lang verzapft. Begeisterung zu erwarten, wenn es trotz großem Wimpernklimpern keine Schokolade mehr gibt wäre auch definitiv zu viel verlangt. Aber manchmal gibt man sich so richtig Mühe, das Kind glücklich zu machen, reißt sich ein Bein aus und ist sich ganz sicher, dass das jetzt den ultimaten Spaß- und Glücklichkeitsfaktor darstellt. Tja, und dann ist da leider gar nix mit Freude oder Überschwänglichkeit. Schade, wirklich schade.

Natürlich spielt man selbst und die eigene Erwartung, die eigene Einstellung, in dieser Frage ebenso eine entscheidende Rolle. Es sind nicht nur die Kleinen, die unter Umständen unerwartet und  unangemessen reagieren. Nein, eventuell setzt man da für seine Kinder Maßstäbe fest, die nur für einen selbst gelten und die man von anderen Menschen gar nicht automatisch erwarten darf. Vielleicht drückt man Dankbarkeit einfach unterschiedlich, aber nicht mehr oder weniger herzlich und ehrlich aus. Gegebenenfalls hat man dem kleinen Menschen gar keinen so großen Gefallen getan wie man vielleicht glaubt. Fakt ist aber auf jeden Fall, dass es sich nicht schön anfühlt. Dieses Gefühl, nicht die Wertschätzung  zu erhalten, die man nach eigenem Empfinden absolut verdient hätte.

Auch als Mutter, oder gerade als Mutter, kriecht dieses Gefühl öfter empor als es einem lieb ist. Ob es der Tag ist, den du trotz dröhnenden Kopfschmerzen komplett nach deinem Kind ausgerichtet hast, weil du weißt, wie gern es auf den Spielplatz, ins Schwimmbad oder zum Schlitten fahren geht, dieses Kind dann aber plötzlich und aus heiterem Himmel die Laune verliert, alles blöd findet und wieder nach Hause will. Ob es das großzügige Taschengeld ist, für das du als Gegenleistung nur einige Kleinigkeiten im Haushalt erwartest, die aber immer wieder liegen gelassen werden, obwohl du doch noch genug andere Dinge zu bewältigen hast und sowieso schon kaum hinterher kommst. Oder ob es die Geschenke zu Weihnachten sind, die deiner Meinung nach sowieso schon viel zu üppig ausgefallen sind, die das Kind aber scheinbar trotzdem nicht zufrieden stellen.

Diese Liste könnte ewig weitergeführt werden und ich bin mir sicher, dass jede Mutter mindestens eine Situation kennt, in der sie sagen würde: „Meine Güte, wenn das so weitergeht, mache ich bald einfach gar nichts mehr. Dann kannst du sehen, wer dich ins Training fährt/dir dieselbe Geschichte das tausendste Mal vorliest/dir dein Lieblingsessen kocht/deine Windel wechselt.“

Ja, dieses Gefühl ist furchtbar. Es ist kein Weltuntergang, natürlich nicht. In den meisten Fällen ist es wohl so, dass es einfach an der ohnehin schon bescheidenen Tagesverfassung eines oder aller Beteiligten liegt und am nächsten Tag sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Kinder können sich oft noch gar nicht anders ausdrücken, als zu meckern, schreien oder schimpfen wenn etwas schief läuft. Mit Undankbarkeit und vor allem mit dem Verhalten der Eltern an sich hat das aber gar nichts zu tun. Und oft erkennen wir Erwachsene auch gar nicht was das eigentliche Problem ist – nicht sofort jedenfalls. Ich habe mich also heute gefragt, warum es mir dann so viel ausmacht. Ich weiß, dass die Welt morgen schon wieder anders aussieht. Und wenn nicht morgen, dann auf jeden Fall in den nächsten Wochen. Phase nennt man das auch. Kein Zustand also, der für immer hält. Im besten Falle erzieht man seine Kinder ja nicht zu ewig undankbaren, immer unzufriedenen, kleinen Menschen. Jeder hat halt mal einen schlechten Tag. Ich weiß außerdem, dass das Verhalten des Kindes immer auch von meinem eigenen und dem Verhalten der Menschen im Umfeld abhängig ist. Ich bin also vermutlich zu einem gewissen Teil selbst für dieses Verhalten, beziehungsweise die Tatsache, dass es mich so stört, verantwortlich.

Ich habe also weiter gedacht. Was kann ich tun, was kann ich denken, dass es mich weniger stört, dass ich besser damit umgehen kann?

Die Lösung ist wohl ebenso einfach wie schwierig:

  • meine Einstellung ändern. Mir immer wieder bewusst machen, dass mein Kind nicht per se undankbar oder unzufrieden ist. Es hat so wie ich und jeder andere merkwürdige Launen, nicht immer nachvollziehbare Gefühle und schlechte Tage. Es liegt nicht (nur) an mir oder meinen Werten, Grundsätzen oder Vorschlägen, dass es alles blöd findet, sondern an vielen weiteren Umständen. Manchmal finde auch ich Sachen blöd, die ich eigentlich gerne mag. Ab und zu kann ich gar nicht richtig ausdrücken, was eigentlich das Problem ist und muss selbst erst einmal in mich gehen und darüber nachdenken. Dasselbe möchte ich natürlich auch meinem Kind zugestehen.
  • meinen Anspruch überdenken. Verlangt mein Kind denn überhaupt, was ich ihm gebe? Gibt es für mein Kind überhaupt einen „Grund“ dankbar zu sein oder sind es meine Ansprüche an mich selbst, die mich dazu bringen, bestimmte Dinge zu tun? Bilde ich mir vielleicht ein, manche Dinge tun zu müssen oder tun zu wollen, die gar nicht notwendig sind oder viel einfacher umzusetzen wären? Würde es mir eventuell besser gehen wenn ich bestimmte Dinge einfach umorganisiere oder ganz lasse, wenn sie mir zu große Umstände machen?
  • Dankbarkeit vorleben. Die beste Methode, um Dinge in meinem Kind zu verankern, die mir selbst wichtig sind? Vorbild sein! Jedes Kind lernt am besten durch Beispiel, so ungern man sich dies manchmal auch eingesteht. Zeige ich dem Kind das Verhalten, das ich mir von ihm wünsche? Oder muss ich vielleicht klarer machen, was mir wichtig ist? Sind für mich bestimmte Dinge unter Umständen ebenfalls selbstverständlich, bei denen ich mir von meinem Kind aber Dankbarkeit wünsche?

Fragen über Fragen, die es auf jeden Fall wert sind, gestellt zu werden. Vor allem dann, wenn ich mal wieder das Gefühl habe, mirVersion 2 vollkommen umsonst die Mühe für etwas gemacht zu haben, das ich scheinbar auch genauso gut hätte lassen können. Und wenn ich mir diese Fragen und die Antworten darauf nur immer wieder vor Augen halte, bin ich irgendwann sogar richtig cool wenn ich eigentlich genervt bin. Ganz bestimmt. Und bis ich soweit bin, tröstet der Moment, in dem die kleine Motte eine Blume pflückt und sie mir schenkt – einfach so.

Liebste Grüße, Verena

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