Weißt du eigentlich, wie mächtig du bist?

„Gott hat den Eltern einen größeren Einfluss gegeben, als sie ahnen. Ihre Macht über die Kinder reicht noch über den Tod, über Körper, Raum und Zeit hinaus.“ Karl May

Das Elternsein besteht wie fast alle großartigen und wichtigen Dinge aus unfassbar vielen Rechten und Pflichten. Wir haben das Recht, einen kleinen Menschen anzuleiten, ihm die Welt zu zeigen und einen wichtigen Teil seines Lebens, seine Kindheit, intensiv mit ihm zu verbringen. Für mich einige der schönsten Sachen überhaupt. Welch ein Privileg.  Jedes Recht geht aber auch mit mindestens einer Pflicht einher. Wir Eltern haben neben der Verantwortung unseren Kindern gegenüber auch noch unglaublich viel Macht. Über sie und über das Leben, das sie führen und führen werden. Das ist einem vielleicht nicht immer bewusst, aber überlegt mal, wie viel wir diesen kleinen Menschen geben oder auch nehmen können. Wie hoch unser Einfluss, unser Einwirken, wie groß unser Vorbild ist.

Unsere Pflicht ist es deshalb, mit dieser Macht verantwortungsvoll umzugehen und sie im Sinne des Kindes einzusetzen. Aber warum geht das so oft schief? Warum wird Macht im Umgang mit Kindern häufig missbraucht? Und warum sind sich viele Eltern nicht mal im Klaren darüber, was sie ihrem Kind damit antun? Ich bin in den letzten Tagen leider Zeuge eines absoluten und sogar für mich tief verletzenden Machtmissbrauchs geworden, der mich nicht mal direkt betroffen hat, weshalb ich meine Gedanken dazu nun unbedingt niederschreiben musste.

Ich hasse dieses Wort. Macht. Macht zu haben bedeutet immer auch, jemanden oder etwas unter sich zu haben, über den oder das man Macht hat. Auf der anderen Seite, da wo jemand weniger Macht hat, findet man deswegen immer auch Abhängigkeit und Ausgeliefertsein. Wenn Macht gut, vernünftig und freundlich dosiert ist, ist das alles kein Problem. Willst du etwas bewegen, etwas verändern, dann brauchst du Macht. Macht ist sogar notwendig und ich mache mir nichts vor: ganz ohne jemanden, der das Zepter in die Hand nimmt (in welcher Beziehung auch immer) geht es natürlich nicht. Ist diese Macht aber impulsiv, unbedacht oder gar mutwillig und manipulativ eingesetzt oder dient ausschließlich dem Zweck sich selbst oder seinen eigenen Interessen zu dienen, kann sie vieles unter sich begraben. Falsch eingesetzte Macht kann gerade bei Kindern so vieles zerstören, kann so viel unwiederbringliche Unschuld, Unbeschwertheit und Vertrauen rauben.

Mein Appell geht aus diesem Grund heute an alle Eltern, die unbewusst oder im schlimmsten Fall sogar bewusst Macht an ihren Kindern ausüben, die ihnen schadet.  Um eines aber mal vorneweg zu nehmen: wir alle sind nicht fehlerfrei und ich bin der letzte Mensch dieser Erde, der von sich behauptet, alles richtig zu machen. Auch ich muss mich ständig hinterfragen, muss reflektieren, ob mein Verhalten in Ordnung ist oder überlegen, in welcher Situation ich das nächste Mal anders reagieren muss. Ziel ist es deshalb nicht, mich über jemand anderen zu stellen, weil ich ja alles so viel besser mache. Nein. Mein Bestreben ist vielmehr, auf diese falsch eingesetzte Macht aufmerksam zu machen und zum Nachdenken anzuregen, weil man sich über alle Dinge im Leben eben erst klar werden kann, wenn man sich und seine Umwelt reflektiert.  Besonders rigorose Fehler führen leider zu großen Konsequenzen, die man sich sicher oft ersparen könnte, wenn man bewusster und achtsamer mit anderen – vor allem mit den Kindern – umgeht. Wenn dieser Artikel nur einem meiner Leser dabei hilft, einen Denkprozess in Gang zu bringen, bin ich schon zufrieden. Deswegen möchte ich euch heute ein paar Dinge sagen, die leider nicht für alle selbstverständlich sind.

Dein Kind ist nicht für dich und dein Leben verantwortlich. Nicht jetzt und auch nicht, wenn es älter oder erwachsen ist. Niemals. Du musst auf eigenen Beinen stehen. Alles, was du selbst nicht schaffst, wird dein Kind nicht richten können. Deine Beziehung zerbricht? Du hast finanzielle Probleme? Freunde verloren? Keine Zeit für Sport oder  ausgefallene, lange Reisen? Du fühlst dich unglücklich, bist unzufrieden mit deinem Leben? Alles deine Sache. Dein Kind wird niemals die Schuld dafür tragen. Ich habe alle möglichen Szenarien durchgedacht, das ist nicht möglich. Deine schlechte Laune und deinen ganzen ungefilterten Frust an deinem Umfeld auszulassen, mag menschlich sein, aber die Verantwortung für die Missstände deines Lebens deinem Kind zuzuschreiben geht nicht. Überhaupt nicht. Es ist schon höchst merkwürdig, wenn du ständig irgendjemandem die Schuld an dieser oder jener Misere gibst, aber dein Kind als Sündenbock herhalten zu lassen, ist einfach so viel mehr als nicht in Ordnung. Du hast sicher Dinge für dein Kind geopfert, hast manches Mal zurückgesteckt. Aber das ist dein Job. Dein Kind muss dir deswegen nichts zurückgeben, ist dir zu nichts verpflichtet. Es ist schön, wenn es dankbar ist. Weil du ihm ein Dach über dem Kopf bietest, es versorgst und ihm Kleidung kaufst. Liebe, Vertrauen und Geborgenheit gehen aber weit über das hinaus. Du musst dein Kind lieben. Ohne Bedingungen. Deine Liebe darf an nichts geknüpft sein. Keine Forderungen, kein Druck. Einfach nur Liebe. Dann ist es vollkommen egal, ob es Markenschuhe trägt, in die exotischsten Länder reist oder das größte Taschengeld bekommt. Das Gefühl, ein Zuhause und Wurzeln zu haben wird durch ganz andere Dinge hervorgerufen. Gerade wenn dein Kind alles andere als einfach ist, wenn es vom Weg abkommt und du weit davon entfernt bist, vor Stolz zu platzen: liebe dein Kind. Dein Kind ist dein größter Schatz, dein engster Verwandter, dein Fleisch und Blut. Nichts wird jemals über das hinaus gehen. Lass dein Kind Kind sein. Sei du immer und für alle Zeit, der Ort, an den es zurückkehren möchte, wenn es krank ist oder wenn es ihm schlecht geht. Versuche, es zu verstehen und dich in seine verschiedenen Gefühle hineinzuversetzen. Das mag dir mal mehr, und mal weniger gut gelingen, aber höre nicht auf, es zu probieren. Jeden Tag aufs Neue. Sag deinem Kind niemals, dass es ein Fehler war. Dass es hässlich ist, dumm oder weniger wert als andere. Beleidige es nicht und sag ihm bitte niemals, dass es besser wäre, wenn es nicht mehr da wäre. Damit zerstörst du unglaublich viel, das vielleicht niemals wieder repariert werden kann. Bekräftige es darin, sich etwas zu trauen, Mut zu haben und anders zu sein. Sei du selbst auch mutig genug, ein Kind zu haben, das über Gewohntes hinausgeht, sich auch mal widersetzt und eine andere Richtung einschlägt als die Mehrheit. Nimm dein Kind ernst, höre dir jeden noch so verrückten Traum an, lerne diesen Menschen wirklich kennen. Akzeptiere Verschiedenheiten, dein Kind wird niemals ganz genau so sein wie du. Hinterfrage, setze dich auseinander, nimm dir Zeit. Manipuliere dein Kind nicht. Vielleicht merkt es nicht sofort, dass es benutzt wird. Aber glaub mir, irgendwann kommt der Tag. Gestehe es dir ein, wenn du Unrecht hast und schäme dich nicht, einen Fehler einzuräumen. Das zeugt von Stärke und wird deinem Kind viel bedeuten. Was du in dir selbst nicht findest, wird dir dein Kind niemals geben können. All‘ deine Unsicherheiten, deine Minderwertigkeitskomplexe und deine Schwächen wird dein Kind nicht reparieren können. Du musst dich selbst reparieren. Suche dir Hilfe, rede mit Vertrauten oder anderen Ratgebern. Das ist schwer, keine Frage. Gerade dafür braucht man Stärke. Aber wir leben alle vermutlich nur einmal. Wäre es nicht Wahnsinn, diese einmalige Möglichkeit zu leben, zu lieben und glücklich zu sein nicht vollkommen auszunutzen?

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Du lebst in deinem Kind. Mit großer Wahrscheinlichkeit, ist das, was dich am meisten von deinem Kind trennt eure größte Ähnlichkeit, eure stärkste Verbindung. Dein Kind ist ein Kind. Ein reines, verletzbares, von dir abhängiges Wesen. Das ist selbst dann in einer gewisser Weise noch, wenn es erwachsen ist. Behandle dein Kind wie eine starke, zarte Blume. Sie kann unglaublich viel bewegen, braucht aber deine Liebe und deine leitende Hand. Es tut mir aufrichtig leid für dich, wenn du nicht so behandelt worden bist. Wenn dir vielleicht niemals gezeigt wurde wie sich richtige, aufrichtige Liebe anfühlt. Wenn dich niemand zur absoluten Priorität gemacht hat und dir gezeigt hat, wie wundervoll du bist. Eventuell haben deine Eltern, deine Mutter oder dein Vater, genauso wenig erkannt wie du, wie zerbrechlich diese kleine Seele in dir ist. Ich wünsche dir von Herzen, dass du glücklich wirst. Dass du die Stärke entwickelst ein anderes Wesen, im allerbesten und wichtigsten Falle dein eigenes Kind, bedingungslos zu lieben – egal, wie sehr es dich nervt, dich fordert oder nicht schätzt. Deine Stimme wird zur inneren Stimme deines Kindes. Sie wird es auf ewig begleiten, wird ihm sagen, dass es großartig oder eben minderwertig ist. Mit deinem Kind trägst du einen großen, wichtigen Teil in diese Welt hinein. All‘ die Liebe, die du in deinem Kind pflanzt wird sich vervielfachen und zu dir zurück kommen. Alles an Schmerz, Misstrauen, Unsicherheit oder Demütigung aber leider auch. Du bist der Schlüssel zu deinem Glück. Und egal, wie kitschig oder abgedroschen es klingt: du bist deines Glückes Schmied. Nicht irgendwer sonst, vor allem aber nicht dein Kind.

Liebste Grüße, Verena

 

 

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